Möglichst am Rand und immer auf Distanz

Von Ulrike Bauer-Dörr

Stottern sollte früh behandelt werden. Hier macht die Heilbronner Logopädin Britta Hellig eine Sprachtherapie mit einem kleinen Patienten.Foto: Andreas Veigel

 

Heilbronn - „Die Schulzeit war für mich die Hölle“, erinnert sich Christine F. (Name geändert). Als Stottererin lebt sie bis heute in ständiger Angst davor, dass die Worte im entscheidenden Moment nicht richtig aus ihrem Mund herauskommen. Damals wurde sie gehänselt und ausgelacht.

Sie hat sich angewöhnt, so wenig wie möglich zu sprechen. Folgerichtig wählte die heutige Akademikerin keinen sprechenden Beruf. Sie sitzt lieber am PC, beschäftigt sich mit dem geschriebenen Wort. „E-Mails als Kommunikationsmittel sind ein Segen für mich“, gesteht die 36-jährige Heilbronnerin.

Obwohl sie seit Jahren im selben Betrieb arbeitet, hat sie ihren Kollegen von ihrem Problem nichts erzählt. „Ich bleibe immer am Rand und auf Distanz“, sagt sie. Doch das Telefonieren lässt sich weder im Beruf noch im Privatleben vermeiden, auch nicht das Sprechenmüssen vor größeren Gruppen. „Dann habe ich Herzrasen und einen Kloß im Hals“ und sie stirbt tausend kleine Tode.

Christine F. leidet unter ihrer Redefluss-Störung besonders stark. Andere haben mehr Selbstvertrauen. „Mir macht es nichts aus, wenn ich stottere und die anderen merken das“, sagt Jürgen Sandritter. Er hat vor zwei Monaten in Heilbronn eine -Selbsthilfegruppe gegründet. Christine F. ist froh, dass sie dort Leidensgenossen gefunden hat. In ihrer Umgebung gibt es keine Stotterer. In der Gruppe fühlt sie sich „wie auf einer Insel“. Da brauche sie sich nicht verstellen, müsse nichts mehr verbergen, könne endlich sie selber sein. Diese Stunden genießt sie: „Der Druck ist weg.“ In der Gruppe geht es um den Austausch von Informationen und Erfahrungen über alle nur denkbaren Therapien: was sie bringen, wer sie anbietet, was sie kosten, was die Krankenkasse bezahlt. Manche schwören auf Einzeltherapien beim Logopäden, andere gehen zu Gruppentherapien oder zum Psychologen, um die Angst vor dem Sprechen zu bekämpfen und am Selbstbewusstsein zu feilen.

Die Gruppe wird auch benutzt, um das Sprechen zu üben: ein Vorstellungsgespräch, das Halten eines Referats oder einer Rede oder das ganz alltägliche Telefonieren, etwa mit einer Behörde, einer Firma, einem Arzt. Dann sehen sie: „Ich kann das ja.“ - Das hilft.

Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden ersten und dritten Dienstag im Monat um 19.30 Uhr in der AOK Heilbronn, Eingang Schillerstraße. E-Mail: heilbronn@stottern-heilbronn.de. Weitere Informationen im Internet: www.bvss.de